Der EU AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689) ist die weltweit erste umfassende gesetzliche Regulierung von KI-Systemen. Seit August 2024 in Kraft getreten, entfaltet er seine Wirkung gestaffelt bis 2027, doch viele Unternehmen unterschätzen den Handlungsbedarf. Dieser Beitrag klärt, was Sie konkret wissen und tun müssen.

🚨 Deadline: 2. August 2026, noch weniger als 60 Tage

Ab dem 2. August 2026 müssen Hochrisiko-KI-Systeme (Anhang III: HR-KI, Kredit-KI, biometrische Systeme u.v.m.) vollständig dokumentiert, bewertet und compliant sein. Bußgelder bis zu 35 Mio. € oder 7 % des Jahresumsatzes sind möglich. Wer noch kein KI-Inventar hat, sollte jetzt handeln, nicht im Juli.

Was ist der EU AI Act überhaupt?

Der EU AI Act reguliert KI-Systeme nach ihrem Risikopotenzial, ähnlich wie die DSGVO personenbezogene Daten schützt, schützt der AI Act vor Schäden durch KI. Das Gesetz richtet sich an:

Als "KI-System" gilt dabei jedes System, das auf Basis von Eingaben Ergebnisse wie Vorhersagen, Empfehlungen, Entscheidungen oder Inhalte erzeugt, von Chatbots über Rekrutierungssoftware bis hin zu Produktionsoptimierung.

Die vier Risikoklassen im Überblick

Das Kernprinzip des AI Acts ist ein risikobasierter Ansatz. Je höher das Risiko, desto strenger die Anforderungen:

Risikoklasse Beispiele Rechtsfolge
Unakzeptabel Social Scoring durch Behörden, biometrische Echtzeitüberwachung im öffentlichen Raum, manipulative KI Verboten, keine Ausnahmen möglich
Hochrisiko KI in HR/Recruiting, Kreditbewertung, kritische Infrastruktur, Medizinprodukte, Justiz Umfangreiche Pflichten: Risikomanagementsystem, Datengovernance, Transparenz, menschliche Aufsicht, Konformitätsbewertung
Begrenzte Risiken Chatbots, Deepfakes, emotionserkennende KI Transparenzpflichten: Nutzer müssen wissen, dass sie mit KI interagieren
Minimale Risiken Spam-Filter, KI-gestützte Suche, Spielecharaktere Keine spezifischen Pflichten, freiwillige Verhaltenskodizes empfohlen
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💡 Praxishinweis: GPAI-Modelle

KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck (General Purpose AI, z.B. GPT-4, Claude, Llama) unterliegen eigenen Regeln. Modelle mit systemischen Risiken (Trainingsaufwand > 10²⁵ FLOPs) haben besonders strenge Pflichten.

Der Zeitplan: Was gilt ab wann?

Aug. 2024

Inkrafttreten

Der EU AI Act tritt formell in Kraft. 24-monatige Übergangsfrist läuft an.

Feb. 2025

Verbote für unakzeptable Risiken

Systeme mit unakzeptablem Risikopotenzial müssen abgeschaltet sein. Bußgelder bis 35 Mio. € oder 7% des Jahresumsatzes.

Aug. 2025

GPAI-Pflichten

Regeln für KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck werden anwendbar.

2. Aug. 2026 ⚠

Hochrisiko-KI (Anhang III), Jetzt handeln

Vollständige Pflichten für HR-KI, Kredit-KI, biometrische Systeme, KI in kritischer Infrastruktur. Konformitätsbewertung, Dokumentation, EU-Register-Eintrag. Weniger als 60 Tage verbleiben.

Aug. 2027

Hochrisiko-KI (Anhang I). Produktrecht

KI-Systeme in physischen Produkten (Medizinprodukte, Fahrzeuge, Maschinen). Übergangszeit für bestehende CE-gekennzeichnete Produkte.

Welche Unternehmen sind besonders betroffen?

Viele Mittelständler glauben, der EU AI Act sei primär ein Thema für Tech-Konzerne. Das ist ein gefährlicher Irrtum. Als Betreiber (Deployer) sind Sie betroffen, wenn Sie:

🚨 Häufiger Irrtum: "Wir nutzen das nur intern"

Der EU AI Act unterscheidet nicht zwischen internem und externem Einsatz. Auch KI-Systeme, die nur intern für Mitarbeiterentscheidungen genutzt werden (Personalwesen, Leistungsbewertung), können Hochrisiko-Anforderungen unterliegen.

Pflichten für Hochrisiko-Betreiber

Wenn Sie Hochrisiko-KI-Systeme einsetzen, müssen Sie konkret:

Transparenzpflichten: Das betrifft fast alle

Auch wenn Ihre KI nicht als Hochrisiko eingestuft wird, gelten für viele Systeme Transparenzpflichten:

So starten Sie: 5-Schritte-Sofortplan

Angesichts der bereits laufenden Fristen empfehle ich folgendes Vorgehen:

Schritt 1: KI-Inventar erstellen

Dokumentieren Sie alle KI-Systeme in Ihrem Unternehmen, auch solche, die als "normale Software" wahrgenommen werden. Microsoft 365 Copilot, ChatGPT-Integrationen, automatisierte Entscheidungssysteme in ERP oder CRM zählen dazu.

Schritt 2: Risikoklassifizierung durchführen

Ordnen Sie jedes System einer Risikoklasse zu. Der EU AI Act definiert Hochrisiko-Anwendungsfelder in Anhang II und III. Prüfen Sie kritisch: Welche Entscheidungen werden durch KI unterstützt oder automatisiert?

Schritt 3: Anbieter-Dokumentation prüfen

Fordern Sie von Ihren KI-Systemanbietern die Konformitätsdokumentation an. EU-Anbieter müssen diese liefern können; für Nicht-EU-Anbieter prüfen Sie, ob ein EU-Bevollmächtigter existiert.

Schritt 4: Verantwortlichkeiten intern klären

Benennen Sie einen AI Act Compliance-Verantwortlichen, ähnlich wie einen Datenschutzbeauftragten. Verankern Sie KI-Governance in bestehenden Compliance-Strukturen.

Schritt 5: Schulungen durchführen

Mitarbeiter, die Hochrisiko-KI nutzen, müssen nachweislich geschult sein. Dokumentieren Sie Schulungen und aktualisieren Sie sie bei Systemänderungen.

Ihre Sofort-Checkliste

✅ Gut zu wissen: Verhältnismäßigkeit

Der EU AI Act sieht einen risikoproportionalen Ansatz vor. Kleine und mittlere Unternehmen, die ausschließlich Minimal-Risiko-KI einsetzen, haben kaum bürokratische Zusatzlast. Der Aufwand skaliert mit dem tatsächlichen Risikopotenzial Ihrer KI-Nutzung.

Sanktionen: Was droht bei Verstößen?

Der EU AI Act sieht gestaffelte Bußgelder vor:

Für KMU gelten die niedrigeren Werte aus dem jeweiligen Wertepaar. Die Aufsicht erfolgt durch nationale Marktaufsichtsbehörden, in Deutschland voraussichtlich die Bundesnetzagentur.

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